Montag, 11. Februar 2019



Princeton und die Rettung der Amerikanischen Revolution


 Prolog

Kurzversion eines Fachbeitrages erschienen 2018

Es stand nicht gut um die Amerikanische Revolution 6 Monate nach der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776. Die Kolonisten, unwillig die Steuern nach dem Siebenjährigen Krieg mitzutragen, hatten seit 1775 die britische Krone in Lexington, Concord und Bunker Hill bei Boston herausgefordert. Der Kampf in Nordamerika war gleichzeitig auch ein Bürgerkrieg. Denn den Kämpfern für die Unabhängigkeit standen die der Krone treu ergebenen Loyalisten gegenüber. Und selbst unter den Rebellen waren die Aushebungen für die neu geschaffene Amerikanische Armee und die Milizen keineswegs immer populär. Die Armee war schwach, wie auch George Washington im Sommer 1776 zerknirscht eingestehen musste.

In dieser problematischen Lage waren die Briten am 16. September 1776 in der Kips Bay von New York gelandet. Wo heute die Häuserschluchten von Manhattan beginnen, erlitten die Amerikaner eine empfindliche Niederlage. Die Milizen verließen fluchtartig ihre Stellungen in der Nähe des heutigen Murray Hill. Die Briten setzten ihnen nach und schlugen die jungen amerikanischen Streitkräfte weitere Male bei Harlem Hights und White Plains. Washington blieb nichts anderes übrig, als sich durch New Jersey nach Süden zurückzuziehen…


Karte des Feldzuges von 1776/1777, Quelle: Jeremy Black: Die Kriege des 18. Jahrhunderts, London 1999. S. 121

Die Kriegsparteien

Der Unabhängigkeitskrieg war kein Kampf zwischen Engländern und Amerikanern. Er war ein internationaler Konflikt. Die Kombattanten kamen aus dem In- und Ausland und trugen eine verwirrende Vielzahl von Uniformen und Ausrüstung. Eine einfache Aufzählung der am Krieg beteiligten Staaten und Gruppen mag dies verdeutlichen. Im Einzelnen waren auf dem nordamerikanischen Kriegsschauplatz aktiv:

· die britische Feldarmee (Regulars)
· die US amerikanische Feldarmee (Continentals)
· die US amerikanischen Milizen (Militias)
· die Loyalistenmilizen (Loyals)
· die hessischen Hilfstruppen auf Seiten der Briten (Hessians)
· die Indianer standen auf verschiedenen Seiten

Im weiteren Kriegsverlauf kamen Einheiten der französischen Feldarmee und europäische Freiwillige aus Deutschland, Preußen und Polen hinzu. Sie stellten sich sowohl der einen als auch der anderen Seite zur Verfügung. Doch die bekanntesten Helden des Unabhängigkeitskrieges, der Franzose Lafayette, der Pole Tadeusz Kościuszko und der Preuße Friedrich Wilhelm von Steuben, unterstützten die Armee George Washingtons. Steuben wurde zum bis heute hochangesehenen „Drillmeister“ der US Armee, dessen Ruhm bis West Point nachwirkt.

In Princeton standen sich in der Frühphase des Krieges Regulars auf britischer und Continentals sowie Milizen auf der anderen Seite gegenüber. In Trenton, südlich von Princeton, waren die Hessen involviert.

In der Auseinandersetzung konnten die Amerikaner Motivation und eine unkonventionelle Kampfweise in die Waagschale werfen. Die Briten profitierten von Erfahrung, Disziplin, Ausrüstung und Führung ihrer Truppen. Die US Milizen, das hatte sich bereits in Kips Bay gezeigt, waren in offener Feldschlacht die Schwachstelle der amerikanischen Bürgerarmee.

In der Frage, wie der Krieg geführt werden sollte, hatte sich der Grundbesitzer George Washington aus Virginia gegen den ehemaligen britischen Offizier Charles Lee durchgesetzt. Dazu hatten auch negative Erfahrungen mit den Milizen während der versuchen US Invasion in Kanada beigetragen. So verfolgten die Amerikaner nunmehr eine Doppelstrategie, in der Elemente des asymmetrischen Krieges mit Milizen durch Operationen mit regulären Truppen (Continentals) kombiniert wurden.

Das spiegelte sich auch in den Uniformen und der Ausrüstung wider. Die Milizen improvisierten bei Uniformen und Waffen, die Continentals entsprachen in Erscheinungsbild und Taktik regulären europäischen Armeen dieser Zeit.

Stärke und Charakteristika der Kriegsparteien

Die „Hessen“, die im Trenton-Princeton Feldzug eine signifikante Rolle spielten, stellten mit 16 000 Mann einen Großteil der britischen Invasionsarmee. Sie waren den Engländern für Geld zur Verfügung gestellt worden. Mit diesem Soldatenhandel versuchte man in der Heimat den eigenen Etat aufzubessern. Gegliedert waren sie in 15 Regimenter, vier Bataillone Grenadiere, drei Kompanien Feldjäger und zwei Jägerkompanien. Der Ruf der „Hessen“ war fürchterlich. Und blieb es bis in die heutige Zeit. Selbst Hollywood lässt als kopflosen mordenden Reiter in „Sleepy Hollow“ einen „Hessen“ auferstehen. Vieles davon ist Legende. In Trenton überrumpelte Washington die Soldaten aus Deutschland. Die hatten zu Weihnachten 1776 auf den Waffenstillstand vertraut. Der Nimbus der Unbesiegbarkeit war jedenfalls dahin.

Die britischen Regulars waren nach der Belagerung Bostons auf rund 10 000 Mann verstärkt worden. Das Gros der Truppen sicherte New York. Befehligt wurden die Soldaten aus Wales, England oder Hannover von britischen Aristokraten, die weder von ihren Gegnern noch ihren eigenen Männern viel hielten. Protektion hatte viele Offiziere in ihre Position gebracht. Im Gegensatz zu den Preußen galten ihre Fähigkeiten als beschränkt. Aber immerhin standen 1776 zwei Drittel der Feldarmee in den nordamerikanischen Kolonien. Hinzu kam die Hälfte der britischen Royal Navy.

Am 27. August 1776 meldete der Oberkommandierende der Briten, General Henry Clinton, in New York rund 31 000 Soldaten aller Truppengattungen einsatzbereit.

Ihnen standen zur selben Zeit nach Schätzungen von Historikern 28 500 Amerikaner gegenüber, von denen rund 19 000 effektiv einsatzbereit waren. Der Rest war krank, beurlaubt oder sonstwie „abwesend“. Gegliedert waren sie in 71 Regimenter unterschiedlicher Stärke, von denen 25 Continentals waren. So stellte sich also die Ausgangssituation für den Trenton-Princeton-Feldzug dar.

Das Kriegsbild

Was erwartete die Soldaten im „Kriegstheater“ in den Feldzügen Nordamerikas? Das Kriegsbild ähnelte durchaus europäischen Verhältnissen. Lediglich ein Festungskrieg mit Belagerungen gab es in Nordamerika nicht. Ansonsten fanden sich die Elemente des Kleinen Krieges, d. h. Hinterhalte und Gefechte um Nachschublinien und Magazine. Leichte Reiterei war hier der Hauptakteur. Die offene Feldschlacht wurde oft von den Briten gesucht, wenn auch zahlenmäßig in erheblich kleineren Maßstäben als z. B. bei vergleichbaren Schlachten wie Kunersdorf (1759) oder Leuthen (1757).

Das minderte nicht den Schrecken der so genannten Lineartaktik: In langen Linien marschierten die Truppen, die Musketen geschultert, in starren Formationen aufeinander zu. Auf Befehl wurde geladen, angeschlagen und gefeuert. Während ein Glied feuerte, luden andere nach. Das alles geschah in unmittelbarer Nähe des Feindes, ohne Deckung und mit dem Wissen um eine völlig mangelhafte medizinische Versorgung. Trommlern und Pfeifern fiel übrigens die Aufgabe zu, die Angst der „British Grenadiers“ und ihrer Kameraden bei allen Kriegsparteien zu mindern. Ihre Märsche hallten während des Anmarsches über das Schlachtfeld.

Ziel dieser archaischen Taktik war es, die „Linie“ des Gegners aufzubrechen. „Haltet die Linie“ (Hold the Line!) war deswegen die Gegenparole. Das Aufbrechen der Linie geschah neben den rollenden Salven der Musketen durch Artillerie und geschlossene Reiterattacken. Kanonenkugeln, Kartätschen, die wie Schrotschüsse aus Kanonen wirkten, und Granaten, die nach Abbrennen einer Zündschnur explodierten, wirkten in den geschlossenen Formationen verheerend. In der Schlussphase erfolgte der Sturmangriff und Nahkampf mit Seitengewehr und Säbel – ein Inferno ohnegleichen!

Der Pulverdampf führte bereits nach Minuten dazu, dass die Soldaten kaum noch etwas sahen. Deckung nehmen oder gar die Flucht ergreifen, war unmöglich. Hinter den Linien sorgten Unteroffiziere dafür, dass niemand zurückblieb oder seinem Fluchtinstinkt nachgab. Es war darüber hinaus der Drill, der die Truppen beider Seiten dazu brachte, alle Bewegungen und Handgriffe wie im Schlaf auszuführen.

Auf Desertion standen schärfste Strafen, auch bei den Amerikanern. Die waren wegen „der Sache“ trotzdem motivierter und hielten bald dem kollektiven „russischen Roulette“ genauso gut stand wie die Briten. Waren die Linien erst einmal durcheinander, gab es meist kein Halten mehr. Hier schlug die Stunde der Kavalleriekommandeure, wie Banastre Tarleton, der für die hartnäckige und rücksichtslose Verfolgung flüchtender Amerikaner bekannt war.

Neben einer verlorenen Schlacht, so bekannte der Duke of Wellington einmal sinngemäß, war eine gewonnene Schlacht das schlimmste, was es gab. Und das traf es ziemlich genau. Um die Verwundeten „kümmerten“ sich die Feldscher, „Ärzte“ wäre eine schmeichelhafte Bezeichnung. Amputationen waren oft die einzige „Therapie“. Alkohol diente der Betäubung. Steriles Operationsbesteck war unbekannt. Viele Verletzte starben an Wundbrand. Die Lazarette waren oft Warteräume für die Sterbenden. Die Medizin dieser Zeit war auf den Massenanfall von Verletzten, der selbst heute jedes Krankenhaus überfordern würde, nicht ansatzweise vorbereitet.

Die Soldaten wussten das alles. Und so berichten Augenzeugen von Kolin bis Valmy immer wieder über eine Totenblässe, die Soldaten und Offizieren vor der Schlacht im Gesicht stand. Hätte es zwischen den Schlachten nicht lange Ruhephasen gegeben, wer weiß, wie viele den seelischen Belastungen gewachsen gewesen wären. Allein: Posttraumatische Stresserscheinungen standen nicht auf dem Versorgungsplan der Armeen dieser Zeit. Die Feldprediger vermittelten den wohl unerlässlichen Glauben, um das Inferno des Krieges damals auszuhalten.

Das waren die Voraussetzungen, unter den die Briten angetreten waren, die Rebellion in den Kolonien von New York aus niederzuwerfen. Seit dem Scheitern ihrer Invasion in Kanada hatten die Amerikaner dem, außer hinhaltendem Widerstand, kein erfolgreiches Konzept entgegenzusetzen.

Der Anmarsch. Quelle: David Hackett, Washingtons Crossing, 2004, S. 328 Princeton Bibliothek

Der Weg nach Princeton

Wir hatten George Washington nach der Schlacht von White Plains am 28. Oktober 1776 verlassen. Die Amerikaner setzten sich von hier aus über Peekskill am Hudson und Fort Lee nach Süden ab. Über Newark und New Brunswick führte Washington seine demoralisierte Truppe durch New Jersey. Ihm dicht auf den Fersen war der britische Offizier Charles Cornwallis, der den Amerikanern auf gleicher Route folgte.

Cornwallis vollzog einen Auftrag aus London. Der sah vor, die britische Herrschaft in New Jersey zu restaurieren. Washington hatte diese Pläne zu durchkreuzen. Doch danach sah es zunächst nicht aus. Vorerst zeigte Washington aber, dass er Rückzüge organisieren konnte. So trafen die Briten auf wenig Widerstand.

Am 29.11.1776 erreichten die Amerikaner New Brunswick. Die Armee schmolz wegen auslaufender Verpflichtungszeiten auf nur 3 000 Mann zusammen. Washington brauchte einen Erfolg, um die Moral zu heben. Er ließ 1 400 Mann in Princeton zurück, die den britischen Vormarsch verzögern sollten. Die Hauptarmee marschierte weiter nach Süden zum Delaware. Erst nachdem seine Nachhut Princeton verlassen hatte, besetzten die Briten die kleine Stadt, um dort Befestigungen und Nachschublager anzulegen.

Für Washington kam die Gelegenheit zum Überraschungsangriff an Weihnachten 1776. Die Hessen in Trenton hatten auf den Weihnachtsfrieden gesetzt, doch die Rechnung ohne die Amerikaner gemacht. Die überquerten den Delaware auf Fährbooten und überrumpelten die Garnison. „Washingtons Crossing“, jenes legendäre Gemälde des ersten US Präsidenten, markiert dieses historische Ereignis. Bei nasskaltem stürmischem Winterwetter und wohl noch verkatert von der Weihnachtsfeier reagierten die Hessen unter ihrem Kommandanten Johann Gottlieb Rall schwerfällig. 918 Gefallene, Verwundete und Gefangene waren der Preis für diese Unachtsamkeit.

Washington aber hatte seinen Überraschungserfolg – bei geringen eigenen Verlusten. Problematischerweise lief die Dienstzeit weiterer Soldaten nun aus. Doch mit einer bewegenden Rede und 10 Dollar Belohnung gelangt es Washington, die Kontinentalarmee zusammenzuhalten.

Ruhe blieb den Amerikanern trotzdem nicht. Denn jetzt rückten die Briten unter Cornwallis heran. Washington entschloss sich, den Angriff der Briten erneut in Trenton zu parieren. Am Assunpink Creek, oder in der 2. Schlacht von Trenton, konnten sich die Amerikaner ein weiteres Mal behaupten. Sie hatten aus sicheren Deckungen heraus auf die Briten gefeuert und dann nach einer Täuschung den Rückzug angetreten. Diesmal fielen 100 Amerikaner sowie rund 360 Briten und Hessen.


Erinnerungskultur: Das Schlachtfeld von Princeton heute. Eigene Aufnahme.

Princeton, 3. Januar 1777

Der 3. Januar in Princeton begann mit einem klaren, frostigen Morgen. Eis und Schnee hatten die Landschaft in ein glitzerndes Weiß verwandelt. Die Amerikaner näherten sich dem Schlachtfeld von Süden. Washington hatte seine Truppen in zwei Flügel geteilt. Den kleineren linken Flügel kommandierte Nathanael Greene. Mit ihm marschierte die New Jersey Artillerie, die Continentals aus Virginia unter Hugh Mercer, der markantesten Figur des kommenden Gefechts sowie Einheiten aus Pennsylvania. Die Streitmacht brachte alles in allem rund 1500 Mann zusammen. Der andere Flügel wurde von General John Sullivan geführt, rund 5000 Mann, darunter die New York Artillerie mit Einheiten aus Pennsylvania und den Neuengland Staaten. Dieser Flügel sollte den Hauptangriff führen.

Damit setzte Washington eine bewährte Taktik fort. Eine kleine Einheit führte den Ablenkungsangriff, der Hauptangriff erfolgte unerwartet.

Es war Sullivans Aufklärung, die das Aufblitzen der Waffen britischer Truppen zuerst bemerkte. Tatsächlich bewegten sich "Rotröcke" auf der Hauptstraße von Princeton nach Trenton. Bevor die Amerikaner reagieren konnten, wurden sie ihrerseits von britischen Spähtrupps entdeckt. Bei den Truppen handelte es sich um Briten des in Princeton zurückgelassenen Detachements von Oberst Charles Mawhood. Mawhood befehligte das 17., 40. und 55. Infanterieregiment. Er hatte den Auftrag Princeton zu verteidigen, doch am 2. Januar die Order erhalten, nach Trenton zu marschieren.

Gegen 5 Uhr morgens am 3. Januar setzte er sich mit seinen müden und noch hungrigen Soldaten in Bewegung. Der Train und die Artillerie verzögerten die Aufstellung der Kolonne. Mawhood hatte bereits das Flüsschen Stoney Brook überquert, als er die nordwärts marschierenden Amerikaner entdeckte.

Sollte er nach Princeton zurückkehren oder angreifen? Er tat, was ein britischer Offizier tun musste. Angreifen. Das 55. und die Artillerie bezogen Position auf einem Hügel, der heute unter dem Namen Mercer Hill bekannt ist. Die Nachschubwagen schickte er sicherheitshalber nach Princeton zurück.

Das alles vollzog sich mit der Disziplin und Geschwindigkeit, die man von britischen Regulars gewohnt war. Sowohl Greene als auch Mawhood waren sich dennoch nicht bewusst, dass sie aufeinander zumarschierten. Nur der sich aus der Entfernung mit seinem Stab nähernde George Washington erfasste die Situation und ließ Greene über einen Kurier warnen. Auf der anderen Seite bemerkten über einen Aufklärungsreiter auch die Briten die sich stetig nähernden Truppenkörper. Mawhoods 17. Fußregiment und 50 abgesessene Dragoner, alles in allem 450 Mann, marschierten nun gegen 1500 Amerikaner.

Im Obstgarten des noch heute erhaltenen William Clark Hauses trafen die Gegner in einem klassischen Liniengefecht aufeinander. Die Amerikaner feuerten gezielt auf die britischen Offiziere. Das Kalkül dahinter war klar: Die Briten sollten, einmal führerlos geworden, die Flucht antreten. In der weißen Winterlandschaft tauschten die beiden Linien Salve um Salve aus. Fassungslos beschrieben Augenzeugen, wie sich Schnee und Eis blutrot einfärbten.

Mawhood hatte nur noch eine Chance: Er befahl seiner Infantrie den Bajonettangriff und das brachte die Amerikaner ins Wanken. Hugh Mercer, der kommandierende US Offizier im Feld, verlor zuerst sein Pferd und geriet dann in Gefangenschaft. Er weigerte sich, zu kapitulieren und wurde durch mehrere Bajonettstiche schwer verwundete. Tage später sollte er seinen Verletzungen erliegen. Diese Szene wurde im wohl berühmtesten Gemälde des Unabhängigkeitskrieges verewigt: "The Death of General Hugh Mercer". Der Schauplatz dieses Ereignisses, "Mercers Oak", ist im Zentrum des Schlachtfeldes noch heute zu besichtigen.


Mercer blieb nicht als Einziger auf dem Schlachtfeld. Auch Offiziere, die seinen Platz einzunehmen versuchten, wurden getötet. Die flüchtenden Amerikaner brachten zudem die Linien der nachrückenden Verstärkungen durcheinander.

Es war die US Artillerie, die in dieser kritischen Situation die Lage stabilisierte. Eine Batterie aus Neuengland feuerte Salven von Kartätschen auf die Briten und ermöglichte den Continentals und Milizen sich wieder zu formieren. Washington ordnete die Verstärkungen und ließ die Briten zudem mit unablässigen Salvenfeuer bekämpfen. Unter diesem doppelten Druck brachen die britischen Linien zusammen. Mawhood befahl den Rückzug Richtung Princeton. Einige Rückzugsgefechte konnten die Lage nicht mehr zugunsten der Briten wenden.

Epilog

Nach dem Sieg von Princeton marschierten die Amerikaner ins Winterlager von Morristown. Der Feldzug hatte die Amerikanische Revolution – vorerst – gerettet. Erst vier Jahre später, 1781 in Yorktown, wurde dieses Ergebnis besiegelt. Daran hatten die Franzosen maßgeblichen Anteil. Die waren mit Flotte und Verstärkungen auf dem amerikanischen Kriegsschauplatz eingetroffen. Die Kosten sollten später die Schuldenkrise in Frankreich und damit die Französische Revolution befördern.

Montag, 4. September 2017



Die Nacht oder die Preußen – Rückblick auf den 200.Jahrestag der Schlacht von Waterloo

Ja, die Waterloo-Jahrestage: 1915 befand sich Europa im Ersten Weltkrieg. 1965, 150 Jahre danach, im Kalten Krieg. Nun, 200 Jahre nach der historischen Schlacht, sollte das Jubiläum endlich angemessen begangen werden. Ohne Zweifel: Reenactements hat Waterloo regelmäßig gesehen. Doch was sich der Gedenkverein VoG Bataille de Waterloo 1815 diesmal vorgenommen hatte, stellte alles in den Schatten: 5000 Statisten, 300 Pferde und 100 Kanonen ließen die Schlacht am 19. und 20. Juni 2015 noch einmal auferstehen. Hinzu kamen Ausstellungen, Feldlager und Lichtanimationen, die den Beobachter auch atmosphärisch in die Zeit des frühen 19. Jahrhunderts zurückversetzen sollten. Am Ende würden einige Zuschauer das Reenactement womöglich mit Dino de Laurentiis Leinwand-Epos „Waterloo“ von 1970 messen. Konnte das auch ohne Christopher Plummer, Rod Steiger und Orson Welles in den Hauptrollen gelingen?
Bildergebnis für waterloo reenactment
Zum Jubiläum der Schlacht 2015 gab es ein spektakuläres Reenactement

Das Schlachtfeld heute

Das Schlachtfeld von Waterloo ist in Struktur und Bauten sehr gut erhalten. Anders als in Leipzig (1814) oder Minden (1759) ist die Walstatt in Belgien landschaftlich optisch noch nachvollziehbar. Der Kampfplatz liegt an der Straße von Charleroi nach Brüssel. Deutsche Touristen nähern sich meist von Norden aus Holland oder von Osten aus dem Aachener Raum und Lüttich.

Die meist internationalen Gäste lassen die anderen Schauplätze des Waterloo-Feldzuges vielfach links liegen: Dabei trafen die Armeen Napoleons und der Alliierten 1815 in kurzen Abständen bei Ligny, Wavre und Quatre Bras aufeinander. Doch die Besucher zieht es oft sofort nach Waterloo, der Schlacht, die wie keine andere für endgültiges menschliches und militärisches Scheitern steht.

Waterloo selbst ist ganz auf den Schlachtfeld-Tourismus eingestellt. Ein Wellington-Museum, Gastronomie und Andenkenläden erwarten die Gäste. Eine Sonderedition Wein, Magnete, Schlüsselanhänger, T-Shirts, Kappen und sogar Comics: Es sind teils skurrile Devotionalien, die der Besucher erwerben kann. Nach mehrstündiger Autofahrt vom Niederrhein entscheide ich mich für einen Brieföffner und ziehe zu Fuß weiter. Parkplätze sind rar an den Tagen des Jubiläums…

Nähert sich der Besucher dem Gefechtsort, dann fällt zunächst das Löwendenkmal ins Auge. 45 Meter hoch hat es die niederländische Regierung an der Stelle errichten lassen, wo Prinz Wilhelm von Oranien verwundet wurde. Ich bezahle den Eintritt und steige, wie schon oft, die Stufen zum Löwen hinauf. Wer außer Atem die Spitze erreicht, dem bietet sich ein einzigartiger Blick auf das Schlachtfeld. Eine Tafel zeigt die Schlachtordnung und die Schlüsselplätze der Auseinandersetzung. Dort in der Mitte, La Haye Sainte, umkämpft den ganzen Tag, dahinter La Belle Alliance, Treffpunkt von Blücher und Wellington am Abend, zur Rechten Hougoumont, Ziel des französischen Angriffs zum Auftakt der Schlacht. An diesem Tag fallen zusätzlich das Camp der Statisten und die riesigen Tribünen für das Reenactement ins Auge. Der Rest des Feldes sind Äcker, Wiesen und Hohlwege. Die Orte und Plätze lassen das Inferno des 18. Juni nur ahnen: Pferdegetrappel, Rauchschwaden, Salven, Kanonendonner, die heiseren Befehle der Offiziere…

Wer das nachempfinden will, steigt den Löwenhügel wieder herab. In einem Kuppelsaal am Fuße des künstlichen Berges werden Bilder, Gegenstände und Geräusche zu einer Collage der Schlacht animiert. Wer sich näher informieren will, sollte die Literatur im Shop nicht außer Acht lassen. Übrigens: Wer das Gefechtsfeld näher und im weiteren Umkreis erkunden möchte, tut das am besten zu Fuß oder mit dem Rad. Der Weg führt den Besucher dann nach Papelotte zur Linken des Löwen oder nach Plancenoit, dem Standort des preußischen Denkmals. Viele Briten dagegen besuchen den Gedenkstein der „Inniskillings“, eines irischen Regiments in der britischen Armee, das bei Waterloo kämpfte. Die Franzosen zieht es nach Le Caillou, dem letzten Hauptquartier Napoleons als Befehlshaber von Streitkräften. Das Gebäude brannte nieder und wurde wieder aufgebaut. Ich entscheide mich für Hougoumont: Arg verfallen war es lange Zeit, nun soll es zum Jahrestag einen guten Eindruck machen. Viel Zeit bleibt nicht, denn um 20:00 Uhr beginnt das Reenactement, „Der französische Angriff“.

Der französische Angriff: Das erste Reenactement

Schon vom Löwenhügel aus sah die Tribüne beeindruckend aus. Nun sammeln sich auf den Plätzen, die sich über einen Kilometer erstrecken, 60.000 Zuschauer, wie von den Organisatoren zu erfahren ist. Im Gegensatz zum Jahre 1815 ist es trocken. Ab 38 Euro haben die Tickets gekostet. Das Event ist seit Monaten ausverkauft. Die Interessenten sind aus aller Welt angereist. Darunter sind auch Menschen, deren Vorfahren in Waterloo kämpften.

Die Erwartungen sind hoch an diesem Tag. „Geschichte erleben!“ Dieses Argument steht bei Statisten und Besuchern als Hauptmotivation ganz oben. Die Zeit bis zum Beginn des Reenactements lässt sich nutzen, um einige Zahlen zu ermitteln: 2.500 kg Schwarzpulver, 100 Ballen Stroh, 30 Stallknechte und ein Tierarzt, 350 historische Gruppen sind aufgeboten. Der Sprengstoff und die Kabel für die Lautsprecher wurden in eigenen Gräben verlegt und mit Torf bedeckt. Ein Küchenzelt für 8000 Gäste und 200 Toiletten schafften die Organisatoren heran. Sicherheitsdienste für die prominenten Gäste standen bereit, denn schließlich waren sogar die Nachfahren von Bonaparte, Wellington und Blücher angereist.

Die statistische Analyse wird plötzlich unterbrochen. Die Uhr zeigt 20:35. Die „französischen“ Kanonen beginnen zu feuern. Auf dem verkleinerten Nachbau des Schlachtfeldes ist die Schlachtordnung des 18. Juni 1815 nachgestellt. Hougoumont mit roten Farben und La Haye Sainte mit weißen „Steinen“ sind deutlich zu erkennen. Die Straße, die das Schlachtfeld teilt, wurde ebenfalls in die Landschaft eingearbeitet. Der Abschuss der Kanonen ist deutlich in den Beinen zu spüren. Rauch hüllt das Gefechtsfeld ein. Jetzt beginnt mit dumpfem Trommelschlag der französische Vormarsch, Takte der Carmina Burana sind zu hören. Nur die Kinder im Publikum verfolgen das Spektakel noch unbefangen. Viele Erwachsene dagegen ringen sichtlich mit ihrer Fassung, sie ahnen wahrscheinlich, welches Gemetzel vor 200 Jahren seinen Anfang nahm…

Kenner der Schlacht sind in den kommenden Stunden damit beschäftigt, die Szenen mit den realen Ereignissen zu verbinden. Ein wenig spiegelt sich der verwirrende Ablauf einer Napoleonischen Schlacht im Geschehen wider. Wie riesige Schachfiguren bewegen sich die Formationen der Franzosen auf Hougoumont zu, „Plänkler“, einzelne Schützenreihen voran. Überraschung lösen bei vielen Zuschauern Frauen und Kinder aus, die den „Regimentern“ in die Schlacht folgen. In Kriegsfilmen der Zeit ist das nie zu sehen. Doch tatsächlich waren die Frauen für die Erstversorgung der Verwundeten zuständig. So überrascht es nicht weiter, dass die älteste Überlebende eine 95-jährige Britin war, die erst 1905 starb. Sie hatte ihrer Mutter bei der Versorgung ihres verwundeten Vaters geholfen und war am Schlachttag erst 5 Jahre alt.

Immer wieder liefert die Moderation des Reenactements wissenswerte Details des Kampfes. Die Plünderung der Opfer gehört zu den finstersten Kapiteln. Sie begann noch in der Nacht. Grauenhaft war auch das Leiden der Pferde. „Ein Pferd“, so wird ein britischer Offizier zitiert, „erregte mein schmerzlichstes Interesse. Es hatte beide Hinterbeine verloren. Die ganze Nacht blickte es umher, als erwarte es Hilfe und stieß immer wieder ein langes melancholisches Wiehern aus.“

Um 21:20 Uhr setzen die Franzosen ein weiteres Mal zum Angriff auf Hougoumont an. Teile des Nachbaus gehen dabei zu Bruch. Nachgestellt werden auch der Angriff Marshall Neys und die legendäre Bildung von Karrees durch die Briten. Neys Kavallerieangriff ohne Unterstützung der Infantrie gilt als schwerer, vielleicht entscheidender, taktischer Fehler. Das Reenactement kommt hier an seine Grenzen. Weder Tempo noch Ausmaß der gewaltigen Attacke sind auch nur im Ansatz darstellbar. Im Film 1970 dagegen ist die Szene von unglaublicher Wucht nachgestellt worden und es fällt nicht schwer, Gerüchte über reale Todesopfer bei den Dreharbeiten zu glauben.

Ein Höhepunkt des Reenactements ist schließlich der Angriff auf La Haye Sainte. La Haye Sainte wurde vom 2. leichten Bataillon der King's German Legion (Königlich Deutsche Legion) besetzt. Nun haben die Statisten der Formation sichtlich Mühe, den Komplex zu halten. Immer wieder feuern die Linien beider Seiten. Gut zu erkennen ist der komplexe Ladevorgang der Musketen. Die Liebe zum Detail ist ein echtes Plus bei diesem Ereignis. Im Film 1970 geht das oft unter.

Weder im Film noch im Reenactement zu sehen ist die Wirkung der Artillerie. Kanonenkugeln prallten oft auf und „hüpften“ einige Male, bevor sie in die dichten Reihen der Battalione einschlugen. Nur im Film „Der Patriot“ ist dies erstmals im Trick dargestellt worden. Haubitzen verschossen Granaten, mit Pulver gefüllte eiserne Hohlkörper, die nach dem Abbrennen einer Zündschnur explodierten: Vor dem Ziel, über dem Ziel oder dahinter, beim nassen Boden in Waterloo oft gar nicht. In Filmdarstellungen ist die Explosion der Granaten wahrscheinlich oft übertrieben dargestellt worden. Sicherlich wäre es lohnenswert, im Rahmen experimenteller Archäologie die Explosion ein pulvergefüllten Granate aus der Zeit Napoleons nachzustellen. Absolut vernichtend war übrigens der Abschuss von Kartätschen. Wie eine Traube waren die Kugeln auf einem Brett, dem „Spiegel“, montiert. Sie zersprangen beim Austritt aus dem Kanonenrohr und wirkten in den Reihen der Angreifer wie ein Schrotschuss. Es ist keine Phantasie notwendig, die Wirkung dieser Geschosse auf die Soldaten beim Fehlen jeglicher Anästhesie nachzuvollziehen…

Teil des Reenactements ist auch der Einsatz der „Scots Greys“ der britischen Kavallerie. Die Teilnahme dieser Formation gehörte zu den Wünschen der Veranstalter und tatsächlich reiten die „Furcht erregenden Männer auf ihren Grauschimmeln“ an beiden Tagen „in die Schlacht“.

Die Veranstalter haben auch Details in die Schlacht eingebaut. So wird um 21:57 Prinz Wilhelm von Oranien „verletzt“ vom Schlachtfeld geborgen. Mit dem Angriff der „Alten Garde“ neigt sich das Ereignis dem Ende zu. Wie in der Realität kontern die Rotröcke den Angriff mit Flankenfeuer. Und so bewahrheitet sich, was Clausewitz über Schlachten im napoleonischen Zeitalter schrieb: Sie brennen langsam ab, bis nur Schlacke übrig bleibt.

Am Ende kommt Bonaparte, dargestellt von Frank Sanson, 47 Jahre, Anwalt aus Orleans höchstselbst vom Hügel herunter. Ihm stehen gegenüber Klaus Beckert als Blücher, ausgewählt wegen seiner Ähnlichkeit und seiner Reitkunst. Schließlich Alan Larson als Wellington, Eloquenz und britischer Humor eingeschlossen. Sein Zitat fasst die Schlacht von Waterloo vielleicht am besten zusammen: „Nach einer verlorenen Schlacht ist eine gewonnene Schlacht das traurigste, das es gibt!“

Der französische Offizier Pierre Cambronne fasste sich noch kürzer: “Merde – Scheiße!“, soll er auf die Aufforderung zur Aufgabe geantwortet haben. Und so endet um 22:15 der Tag in Waterloo. Nach dem Reenactement ist diesmal vor dem Reenactement. Morgen beginnt der „Gegenangriff der Alliierten“. Doch das ist eine andere Geschichte.

Dienstag, 21. März 2017

Verdun: Eine Narbe im Land



Verdun heute

Wo der Krieg auch nach 100 Jahren noch lebendig ist

In Azincourt oder Minden findet der Schlachtfeldtourist nichts, was an die Kämpfe vergangener Epochen erinnert. Das Wetter und die Menschen haben alle Schlachtspuren beseitigt.  Was für ein Unterschied ist da eine Reise nach Verdun, an die Somme oder nach Flandern. Nichts beeindruckt so nachhaltig, wie ein Besuch auf den Schlachtfeldern des Großen Krieges. Besucher sehen die Spuren der Schlacht in der Landschaft, sie sehen die Stacheldrahtverhaue, Bunker, Unterstände, ja sie sehen Knochen und Ausrüstung der Gefallenen!



Besonders ausgeprägt ist das in Verdun. Teilweise sieht es dort aus, als hätten die Soldaten ihre Unterstände gerade erst verlassen. Wer Dioramen kreieren will, hier wird er fündig, er kann am Objekt studieren! 2016 bis 2018 wird in Frankreich und Deutschland nun der Schlacht offiziell gedacht.

Die Schlacht

Hier soll  es nicht um eine weitere Schlachtbeschreibung mit allen militärischen Einzelheiten gehen. „Des Ruhmes Lohn“ ist im gleichnamigen Buch hinreichend beschrieben worden. Uns interessiert der Ort. Es ist trotzdem dringend zu empfehlen, eine Schlachtbeschreibung zu lesen, um vor Ort besser suchen und recherchieren zu können. Vorab mögen hier einige nüchterne Zahlen, die der Besucher in den Museen vor Ort erfährt, die Ausmaße und Dimensionen der Kämpfe verdeutlichen:  Die Schlacht von Verdun fand vom 21. Februar bis 19. Dezember 1916 statt. 1917 verlagerten sich die Kämpfe auf das Westufer der Maas zum so genannten Toten Mann (Le Mort Homme) und die Höhe 304. Zu dieser Zeit waren neben Deutschen und Franzosen auch die Amerikaner  unter General Pershing beteiligt, die die Franzosen entlasten sollten.

In den 300 Tagen schwerster Kämpfe wurden rund 50 Millionen Granaten und Wurfminen verschossen. In diesem schier unglaublichen Inferno starben 300.000 Soldaten, 400.000 weitere wurden verwundet und schwer verstümmelt. Häufig erlitten die Soldaten Posttraumatische Stresserscheinungen (PTSD), die sich in lang anhaltendem Zittern, nächtlichen Alpträumen oder „Wahnsinn“ äußerten. Verdun hieß bei den Soldaten Blutpumpe, Knochenmühle oder schlicht „die Hölle“. Durch diese Blutpumpe jagten beide Seiten rund 120 Divisionen, abwechseln durchliefen über 2 Millionen Mann die Schlacht. Hinzu kamen rund 2.500 Geschütze.

Die Deutschen eröffneten den Angriff unter dem Namen „Operation Gericht“ beiderseits der Maas mit dem Ziel, möglichst viele französische Truppen zu binden und zu vernichten. Durch die Schwächung sollten die Entente mit England auseinanderdividiert werden. Das Gegenteil trat ein: Die Briten starteten im Sommer 1916 einen Entlastungsangriff an der Somme. Auch ein Durchbruch zu unweit gelegenen Industriegebieten lag im Kalkül der Heeresleitung. Im Zentrum aller Bemühungen standen die Befestigungen rund um Verdun, ein Sperrgürtel aus so genannten Forts, Namen wie Fort Douaumont und Fort Vaux dominierten in den Berichten beider Seiten. Hier finden sich auch die heftigsten Kampfspuren. Die Schlacht wurde auch zu einem persönlichen Duell der beiden Oberkommandierenden Pétain (Frankreich) und Falkenhayn (Deutschland). „Sie werden nicht durchkommen“, dieses Ziel erreichten die Franzosen. Verdun endete nach Entlastungsoffensiven der Verbündeten Frankreichs mit einer Niederlage des deutschen Westheeres. Die Truppen beider Seiten wiesen eine Qualität auf, wie sie zu keiner Zeit mehr erreicht wurde. 

Das Schlachtfeld

Das Gelände umfasst in Verdun 26.000 Hektar. Ein großer Teil mit den Forts und großen Gedenkstätten östlich der Maas, ein weiteres Gebiet mit den markanten Punkten Le Mort Homme und Höhe 304 westlich davon. Die Kernzone (Zone Rouges) rund um die Forts Douaumont und Fort Vaux nordwestlich der Stadt Verdun wurde nie wieder mit Menschen besiedelt und umfasst rund 10.000 Hektar. Schwermetalle, Arsen, Relikte des Gaskampfes mit Senfgas und Phosgen im Boden ließen Wohngebiete als zu riskant erscheinen. Große Teile des Schlachtfeldes sind mit Wald und Gebüsch bedeckt. Robuste Kleidung und Wanderschuhe muss also mitbringen, wer tiefer in die Geheimnisse und Strukturen des Schlachtfeldes eindringen will. Warnung: Es liegen unbekannte Mengen Blindgänger im Gelände, oft spült der Regen sie an die Oberfläche. Auch zu bedenken: Verdun ist ein großer Friedhof. Knochen liegen an manchen Stellen unbestattet herum. Mit etwas Laub, Pietät und Erde bringt der Besucher die sterblichen Überreste nach Regenfällen wieder unter die Erde.

Der Weg nach Verdun

Nach Verdun gelangt man aus Trier über Luxemburg oder aus Saarbrücken. Der Reisende folgt zunächst der Beschilderung nach Metz. Aus Norden führt der Weg über Landstraßen oder aus Westen über die französische A4. Im letzten Abschnitt folge man der Beschilderung Verdun Champs de Bataille. Auch mit dem Zug ist Metz der erste Anfahrtspunkt, dann weiter bis Meuse. Mietwagen, Auto und Bike sind unerlässlich, zu groß sind die Dimensionen des Schlachtfeldes. Zwei Tage sollte sich der Besucher nehmen. Die Beschilderung ist gut. Viele Wege und Straßen sind vorhanden, nur unmittelbare Erkundungen zu einzelnen Gräben, Bunkern und Unterständen führen durch unwegsames Gelände.

Zwei Tage sollte sich der Besucher nehmen. Für rund 100 Euro gibt es Zimmer in der Stadt Verdun. Führungen lassen sich beim Fremdenverkehrsbüro buchen, ebenso Karten und Broschüren.

Wichtige Stationen

Erstbesucher beginnen die Tour sinnvollerweise im Mémorial von Verdun. Das Museum wurde im Februar 2016 nach zwei Jahren des Umbaus und der Erweiterung wieder geöffnet. Der zirka zweistündige Rundgang für 8 EUR durchs Museum vermittelt alle notwendigen Kenntnisse der Schlacht und widmet sich vor allem dem Leben des einzelnen Soldaten. Der Besucher sollte sich hier unbedingt eine Karte mitnehmen, um den weiteren Besuch gut planen zu können.
 
Weiter geht es zum Beinhaus von Verdun. Der riesige Turm ist weithin zu sehen. Es wurde am 7. August 1932 vom damaligen französischen Staatspräsidenten Albert Lebrun eröffnet. Hier fanden 130.000 unidentifizierte Gefallene ihre letzte Ruhe. Die Fassade trägt die Wappen der Städte, die zur Errichtung dieses Denkmals beigetragen haben.  Der 46 m hohe Turm überragt das gesamte Schlachtfeld, der Besucher steigt hinauf und hat einen guten Blick über das gesamte Areal.



Blick vom Beinhaus über das Schlachtfeld von Verdun

Das Beinhaus besteht aus 22 Abteilungen mit 46 Grabzellen aus Granit. Die Zellen sind nach Abschnitten des Schlachtfeldes geordnet und enthalten Gebeine, die im jeweiligen Abschnitt gefunden wurden. Vor dem Beinhaus liegt der Soldatenfriedhof von Douaumont, hier wurden 15.000 bekannten französischen Soldaten begraben.



Der Turm des Beinhauses, Schauplatz der historischen Begegnung von Francois Mitterand und Helmut Kohl

Vom Beinhaus führt uns der Weg zum so genannten Bajonettgraben. Am 12. Juni 1916  wurde eine Einheit des französischen 137. Infanterieregiments der Überlieferung nach lebendig verschüttet. Als einziger Hinweis auf die Soldaten ragen die Bajonettspitzen bzw. Gewehrspitzen einige Zentimeter aus der Erde. Anderslautenden Angaben zufolge haben deutsche Soldaten das Grab der Toten mit den Gewehrspitzen nachträglich markiert. 1920 wurde auf Anregung eines amerikanischen Bankiers ein bunkerähnliches  Denkmal an der Stelle des ehemaligen Schützengrabens errichtet.



Bevor es zu den Forts von Verdun geht, sollte der Besucher einen Blick auf eines der zerstörten Dörfer werfen. 9 Dörfer wurden ausgelöscht und nie wieder aufgebaut: Beaumont, Bezonvaux, Cumières, Douaumont, Louvemont, Fleury, Haumont, Louvement, Ornes und Vaux. Heute weisen nur noch Schilder auf diese Dörfer hin, in denen Wohnhäuser, Läden oder öffentliche Institutionen, wie die Schule oder Lebensmittelläden, einzeln ausgeschildert sind.

Der Höhepunkt jeder Verdun-Tour ist ein Besuch der Forts Douaumont und Vaux. Douaumont sollte der Besucher von außen, Fort Vaux auch innen besuchen. Beide Forts gehörten zu den Schlüsselstellungen der Schlacht. Um die Forts herum zeugen die verwitterten Granattrichter einer verwüsteten Landschaft von der Heftigkeit der Kämpfe.



Das Fort Douaumont von außen, die Spuren der Kämpfe sind deutlich zu sehen 

Und dann das Fort Vaux. Hier fanden die wohl furchtbarsten Nahkämpfe der Schlacht statt. Lassen wir Kurt Tucholsky zu Wort kommen, der in der „Weltbühne“ im August 1924 seinen Besuch in diesem Fort für die Nachwelt dokumentiert hat:

„Der Wagen hält. Diese kleine Hügelgruppe: das ist das Fort Vaux. Ein französischer Soldat führt, er hat eine Karbidlampe in der Hand. Einer raucht einen beißenden Tabak, und man wittert die Soldatenatmosphäre, die überall gleich ist auf der ganzen Welt: den Brodem von Leder, Schweiß und Heu, Essensgeruch, Tabak und Menschenausdünstung. Es geht ein paar Stufen hinunter.

Hier. Um diesen Kohlenkeller haben sich zwei Nationen vier Jahre lang geschlagen. Da war der tote Punkt, wo es nicht weiter ging, auf der einen Seite nicht und auf der andern auch nicht. Hier hat es haltgemacht. Ausgemauerte Galerien, mit Beton ausgelegt, die Wände sind feucht und nässen. In diesem Holzgang lagen einst die Deutschen; gegenüber, einen Meter von ihnen, die Franzosen. Hier mordeten sie, Mann gegen Mann, Handgranate gegen Handgranate. Im Dunkeln, bei Tag und bei Nacht. Da ist die Telefonkabine. Da ist ein kleiner Raum, in dem wurde wegen der Übergabe parlamentiert. Am 8. Juni 1916 fiel das Fort. Fiel?  Die Leute mußten truppweise herausgehackt werden, mit den Bajonetten, mit Flammenwerfern, mit Handgranaten und mit Gas. Sie waren die letzten zwei Tage ohne Wasser. An einer Mauer ist noch eine deutsche Inschrift, mit schwarzer Farbe aufgemalt, schwach zu entziffern. Und dann gehen wir ins Verbandszimmer.

Es ist ein enges Loch, drei Tische mögen darin Platz gehabt haben. Einer steht noch. An den Wänden hängen kleine Schränke. Oben ist, durch eine Treppe erreichbar, der Alkoven des Arztes. Ich habe einmal die alte Synagoge in Prag besucht, halb unter der Erde, wohin sich die Juden verkrochen, wenn draußen die Steine hagelten. Die Wände haben die Gebete eingesogen, der Raum ist voll Herzensnot. Dieses hier ist viel furchtbarer. An den Wänden kleben die Schreie – hier wurde zusammengeflickt und umwickelt, hier verröchelte, erstickte, verbrüllte und krepierte, was oben zugrunde gerichtet war. Und die Helfer? Welcher doppelte Todesmut, in dieser Hölle zu arbeiten! Was konnten sie tun? Aus blutdurchnäßten Lumpen auswickeln, was noch an Leben in ihnen stak, das verbrannte und zerstampfte Fleisch der Kameraden mit irgendwelchen Salben und Tinkturen bepinseln und schneiden und trennen, losmeißeln und amputieren...

Linderung? Sie wußten ja nicht einmal, ob sie diese Stümpfe noch lebendig herausbekämen! Manchmal war alles abgeschnitten. Die Wasserholer, die Meldegänger – wohl eine der entsetzlichsten Aufgaben des Krieges, hier waren die wahren Helden, nicht im Stabsquartier! –, die Wasserholer, die sich, mit einem Blechnapf in der Hand, aufopferten, kamen in den seltensten Fällen zurück. Und der nächste trat an . . . Wir sehen uns in dem leeren, blankgescheuerten Raum um. Niemand spricht ein Wort. Oben an dem Blechschirm der elektrischen Lampe sind ein paar braunrote Flecke. Wahrscheinlich Rost...

Vor dem Tor hat man für einige der Gefallenen Gräber errichtet, das sind seltene Ausnahmen, sie liegen allein, und man weiß, wer sie sind. An einem hängt ein kleiner Blechkranz mit silbernen Buchstaben: Mon mari.

Und an einem Abhang stehen alte Knarren, die flachen, schiefgeschnittenen Feldflaschen der Franzosen, verrostet, zerbeult, löcherig. Das wurde einmal an die durstigen Lippen gehalten. Wasser floß in einen Organismus, damit er weitermorden konnte. Weiter, weiter…“

Quelle: Kurt Tucholsky, Vor Verdun, Die Weltbühne, 07.08.1924, Nr. 32, S. 218.

Den Abschluss sollte der Verdun-Besucher vor seiner Rückkehr in die Stadt im freien Gelände machen. Bei der Fahrt mit dem Auto werden Stellungen, Schützengräben und Unterstände angezeigt. Eindrucksvoll ist dabei besonders die Todesschlucht, Ravin de la Mort, unweit von Bajonettgraben und Beinhaus. Zahlreiche Bodenfunde und Schützengräben zeugen von der Heftigkeit der Kämpfe an dieser Stelle.

An diesem Ort besonders intensiven Sterbens sollte noch einmal Tucholsky zu Wort kommen. Sein Satz hat in der Gegenwart für andere Hintergründe nichts von seiner Aktualität eingebüßt:   „Denn das Entartetste auf der Welt ist eine Mutter, die darauf noch stolz ist, das, was ihr Schoß einmal geboren, im Schlamm und Kot umsinken zu sehen.“